Monatsspruch September

Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.

(Lukas 13, 30)

Ich muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, da fand beim Ahrensburger Turn- und Sportverein, dem angehören zu dürfen ich die Ehre hatte, ein Turnwettkampf statt. Ich wurde damals neunter. Das war nicht so richtig ehrenvoll, denn es gab in meiner Altersklasse nur neun Teilnehmer. Ich war also der Letzte geworden. Ich wäre auch mal gerne Erster gewesen, und es hätte mir bestimmt nichts ausgemacht, wenn der Erste dann Letzter geworden wäre. Dazu ist es bloß nie gekommen. Ich habe dann statt mich an den Barren lieber den Turnsport an den Nagel gehängt. Es ist bestimmt immer so: Die Letzten wären auch gerne mal Erste und wünschten vielleicht obendrein noch den Ersten, dass sie auch mal merken, wie das ist, wenn man immer der Letzte sein muss. Bloß, dass das Leben meist so nicht ist. Aber man kann ja mal wünschen und träumen. Das war bei den Jesusleuten nicht anders. Dieser kleine Trupp von Benachteiligten, Ausgestoßenen, Armen, Kranken, Huren und Kollaborateuren, wünschte sich (davon erzählen die Verse vor unserem Vers), als Erste im Reiche Gottes einen Platz an der gedeckten Tafel zu finden, und zwar gemeinsam mit den bisher gar nicht in den Blick genommenen Fremdlingen „von Osten und von Westen, von Norden und von Süden“. Und die anderen, die Einheimischen, die immer als Erste bisher am Tische saßen und sich satt aßen, die würden – wenn sie nicht auch durch die enge Pforte der Solidarität gingen - als Letzte im Reiche Gottes ankommen – und dann wäre die Tür zu, und den ehemals Ersten bliebe nur „Heulen und Zähneklappern“. Also Wunsch der Armen, auch einmal Erste zu sein, gemeinsam mit denen, die aus der Ferne kommen. Und zugleich Rachephantasie gegen die Satten und Selbstgerechten. Manchmal, in schweißgebadeten Albträumen, schrecke ich auf und denke: Und was, wenn Jesus uns meint mit den Ersten (aus der sog. Ersten Welt), die zu Letzten, zu Ausgeschlossenen werden, denen Heulen und Zähneklappern zugedacht ist?

Pastor Helge Martens

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