Monatsspruch März

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR.

(Lev 19,32)

Ich stellte mich vor den Spiegel, betrachtete mein ergrautes (leider nur noch spärlich mit Haarwuchs geschmücktes) Haupt, und dachte: Wunderbares Bibelwort! Los, Leute, aufstehen vor mir! Na, ja... Also, Respekt vor dem Alter, ja, warum auch nicht? Aber warum muss das geboten werden? Und dann noch mit so viel Nachdruck: Fürchten vor Gott und: Ich bin der HERR? Wahrscheinlich, weil es nicht selbstverständlich ist - und auch früher (in der „guten alten Zeit“!) nicht war. Warum auch gerade Respekt vor den Alten? Warum nicht Respekt für jeden Menschen - vom Säugling bis zum Greis - in den Blick nehmen? Ganz einleuchtend ist mir das nicht. Aus Respekt vor der Lebensleistung der Alten (was die Jungen zustande bringen weiß man ja noch nicht)? Aber da kommt durchaus Zwiespältiges zutage, da haben die 68er im Aufdecken und -begehren Großes geleistet. Oder weil die Alten zunehmend hilfsbedürftig werden und als solche ihnen besonderer Respekt gebührte? Aber hilfsbedürftig sind auch die Jüngsten! Wahrscheinlich ist der Grund: Für die Kleinsten, den Nachwuchs tut man (fast) alles, sie sind die Zukunft, auch die Zukunft ihrer Eltern, besonders in Gesellschaften ohne Rentenversicherung. Besonders in Gesellschaften, in denen die Nahrungsreserven so knapp sind, dass es nicht für alle reicht. Aber die Alten, jene, die anderen einst das Leben schenkten und sie aufzogen, die sind nicht die Zukunft, die sind die Vergangenheit. Unter ökonomischen Gesichtspunkten sind sie Last. Und manchmal sind sie auch lästig: Wenn sie tyrannisch übersteigerte Ansprüche durchzusetzen versuchen und die sogenannte „Sandwichgeneration“, eingequetscht und aufgerieben zwischen Erziehung der Kinder und Betreuung der Alten, an den Rand ihrer Kräfte bringen. Ähnliches bringt ein sehr böser Witz so auf den Punkt: Der Enkel kocht für seine Oma, sie fragt: „Ach, Junge, kann ich mich denn gar nicht nützlich machen?“ Und der antwortet: „Oma, nun denk doch nicht dauernd ans Sterben!“ „Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren...“ Wahrscheinlich haben sich das Alte ausgedacht. Oder aber weitblickende Junge: Denn eines Tages sind auch sie alt und grauen Hauptes und wünschen, mit Respekt behandelt zu werden. Hoffentlich aber erinnern sie dann auch noch, wie anstrengend Alte sein können – und akzeptieren ihre Grenzen – aus Respekt für jene, die sich um sie kümmern.

H. Martens

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